Im Gotischen Viertel steht Wismar vor einer wegweisenden architektonischen Entscheidung. Im Mittelpunkt der Debatte steht die Freifläche westlich der St.-Marien-Kirche, wo einst die Alte Schule als eines der bedeutendsten Bauwerke der norddeutschen Backsteingotik stand. Heute schützt dort eine hölzerne Konstruktion die freigelegten Kellerreste. Von vielen Bürgern als „Sarkophag“ oder „Schuhkarton“ verspottet, gilt der provisorische Bau seit Jahrzehnten als städtebaulicher Makel und sichtbare Kriegswunde.
Zerstörung und Wiederentdeckung
Die Geschichte des Gebäudes endete im April 1945, als die Alte Schule bei einem Luftangriff schwer beschädigt wurde. Zwischen 1946 und 1948 wurden die oberirdischen Reste vollständig abgetragen, der mittelalterliche Keller verfüllt und die Fläche notdürftig gepflastert. Erst 2001 kamen die gut erhaltenen Gewölbe bei Tiefbauarbeiten wieder zum Vorschein. Seitdem schützt die Holzbaracke das Denkmal, während Politik, Fachleute und Initiativen über eine dauerhafte Lösung ringen.
Befürworter einer historischen Rekonstruktion
Die Initiative „Alte Schule Wiederaufbau jetzt“, getragen vom Europäischen Zentrum der Backsteinbaukunst, setzt sich für einen originalgetreuen Wiederaufbau ein. Die unterstützende Initiative geht ausgerechnet von Wismars ehemaliger Bürgermeisterin Rosemarie Wilcken aus.
Die Befürworter verweisen auf umfangreiche historische Fotografien, Pläne und archäologische Befunde, die eine detailgetreue Rekonstruktion ermöglichen sollen. Fachleute bestätigen, dass das teilsanierte Kellergeschoss die Last eines zweigeschossigen Neubaus tragen könnte. Vorgesehen ist ein lebendiges Kulturzentrum mit Ausstellungsflächen zur Backsteinbaukunst, Räumen für Vereine und einer dringend benötigten öffentlichen Toilettenanlage im Altstadtkern.
Die Finanzierung soll vollständig privat erfolgen, getragen von Spenden, Sponsoring, Crowdfunding und Fördermitteln. Der Wiederaufbau wird als städtebauliches Signal für das 800-jährige Stadtjubiläum gesehen.
Politische Skepsis und moderne Alternativen
In der Bürgerschaft stößt der historisierende Wiederaufbau auf deutliche Vorbehalte. Einig ist man sich nur darin, dass der aktuelle Holzschutz verschwinden muss. Kritiker wie Horst Krumpen (Die Linke) bezweifeln die finanzielle Tragfähigkeit des Projekts und hinterfragen den denkmalpflegerischen Wert einer rekonstruierten Fassade in einer UNESCO-Altstadt.
Die Fraktion Bürger für Wismar plädiert für einen offenen Ideenwettbewerb in Kooperation mit der Hochschule Wismar, um moderne Architekturkonzepte zu entwickeln, die die historischen Kellerreste sichern und zeitgenössisch inszenieren. Ein weiterer Vorschlag sieht vor, auf einen Neubau zu verzichten und das Gewölbe mit einer begehbaren Glasplatte zu überdecken. Touristen könnten direkt in die Fundamente blicken, während der Platzcharakter erhalten bliebe und Kosten reduziert würden.
Entscheidung im Bauausschuss
Der städtische Bauausschuss hat die Vertreter der Backstein-Initiative eingeladen, um Machbarkeit, Kosten und Nutzungskonzept im Detail zu prüfen. Die Entscheidung über die Zukunft der Alten Schule wird damit zu einem zentralen Weichensteller für das gesamte Gotische Viertel.