„Eine Dame war ganz euphorisch überrascht, dass das alles so klingen kann und es ein echtes Konzert war“, sagt Christof Schläger. Rund ein Dutzend Instrumente des Klangkünstlers stehen in der alten St.-Georgen-Kirche in Wismar im Landkreis Nordwestmecklenburg. Nur sehen sie nicht aus wie Instrumente. Stattdessen ähnelt der Kirchenraum eher einer Erfinderwerkstatt.
„Diese Instrumente sind zum Teil aus Gasheizungsventilen zusammengebaut, aus elektrischen Schreibmaschinen, Magneten, Waschmaschinen- oder Nähmotoren“, sagt Schläger. Auch Sirenen und Motoren von Küchenmixern seien verbaut. Bei manchen der Kunstobjekte wird getrommelt, andere drehen sich oder erzeugen Töne. Bei der Ausstellungseröffnung hat Schläger ein 25-minütiges Konzert veranstaltet. Um die 100 Menschen seien gekommen, sagt er.
„Schwirrer“ erzeugt flötenden Ton
Schläger kommt eigentlich aus einer Bergbaufamilie und habe Maschinenbau und Verfahrenstechnik studiert, erzählt er. „Für mich war ganz klar: Wenn ich etwas im Leben machen will, ganz bestimmt nicht als Ingenieur oder im Bergbau.“ Seine erste Skulptur habe er aus alten Kartons, Lampen, Holzresten und Bustüren im Wohnzimmer der Eltern gebaut. Vor 40 Jahren sei dann die erste Klangmaschine entstanden.
Mit seiner Kunst, mit der er schon in Hongkong und New York unterwegs war, will Schläger das Gegenwärtige betonen. „Und das sind eben nicht klassische Instrumente, sondern das sind Maschinengeräusche, der Kaffeeautomat, das Rauschen der Autobahn.“ Um die vielen einzelnen Apparate zusammenzubringen, nutzt der 68-Jährige eine Musiksoftware. Dafür komponiert er und erstellt Partituren – ähnlich wie für herkömmliche Instrumente.
Bei der Ausstellung in Wismar können die Besucherinnen und Besucher die Elemente über Schalter selbst in Gang setzen. So gebe es auch keine Dauerbeschallung, sagt Schläger. Die Klanginstrumente hätten kuriose Namen. Beim „Schwirrer“ drehten sich beispielsweise 64 Motoren von Nähmaschinen. „Das erzeugt einen singenden, flötenden Ton.“ Beim „Rauscher“ ströme Luft über Ventile in mehrere Rohre und erzeuge ein Rauschen.
Ohne Lautsprecher
„Das Besondere bei dieser Ausstellung ist, dass die Klänge nicht elektronisch erzeugt werden, also nicht aus Lautsprechern kommen, sondern tatsächlich von den Maschinen selbst erzeugt werden“, sagt die Musikwissenschaftlerin Simone Heilgendorff von der Universität Greifswald. Klänge würden heute oft reproduziert, indem sie aufgenommen und abgespielt werden. „Früher hat man gesagt: Der Strom kommt aus der Steckdose. Darüber hat man nicht weiter nachgedacht. Und jetzt kommt der Klang eben aus Lautsprechern oder Kopfhörern.“
Ohne elektronische Möglichkeiten sei die Bewegung der Klangkunst nicht denkbar gewesen, die ihre Ursprünge in den 60er und 70er Jahren im US-Bundesstaat New York habe, sagt Heilgendorff. Heute verbinde sie in der Regel Musik mit bildender Kunst wie Skulpturen, Tanz, Theater oder auch Live-Malerei. Der Ausstellungsort sei dabei wichtig. „Der Klang ist von einer höheren Qualität, als wenn man das Ganze in einen trockenen Raum bringt, der nicht für Musik geeignet ist.“ Eine Kirche eigne sich dafür hervorragend.
Bomben zerstörten die Kirche
Auch Ferdinand Ullrich, der Kurator der Ausstellung und Vorsitzender des Kunstbeirats der Hansestadt Wismar, war vom ersten Moment an begeistert von der Kirche. „Ich habe St.-Georgen gesehen und war hingerissen“, erzählt er. „Wenn mittags die Sonne reinscheint, dann glüht der ganze Raum.“ Da müsse man erst mal mit Kunst herankommen. An den Wänden hängende Bilder würden hier schnell untergehen. „Die Idee war, mit dem Raum zu arbeiten.“
Die St.-Georgen-Kirche in der als Unesco-Weltkulturerbe anerkannten Altstadt von Wismar hat schon einiges hinter sich. Gebaut wurde die erste und noch deutlich kleinere Kirche am heutigen Platz nach Angaben der Stadt Wismar vor bald 800 Jahren. Vom ursprünglichen Bau seien nur noch Reste im Mauerwerk erhalten. Im Jahr 1404 sei dann der Grundstein für den heutigen Bau der St.-Georgen-Kirche gelegt worden.
In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs hätten zwei Bomben die Kirche getroffen und stark beschädigt. Danach sei das Gebäude zunehmend verfallen, zwischendurch habe sie nicht mal ein Dach gehabt. Erst nach der Wende wurde es wieder aufgebaut und als Gotteshaus und Kulturkirche eröffnet. Seit 2010 nutzt der Verein „Freunde und Förderer des Kunstraums St. Georgen“ die Kirche für Ausstellungen, Konzerte und Lesungen.
Künstler plant Konzertraum
Die Klangkunstausstellung ist laut Kurator Ullrich auch ein visuelles Erlebnis. „Auch wenn man nichts hört, ist man allein von diesen Installationen fasziniert“, sagt er. Er kenne Schlägers Kunst schon lange und freue sich, sie nun in Wismar zeigen zu können. Die Ausstellung läuft noch bis Ende März und ist täglich von 10.00 bis 16.00 geöffnet. Schläger selbst plant aktuell einen Konzertsaal in seinem Atelier in der Maschinenhalle einer alten Zeche im nordrhein-westfälischen Herne im Ruhrgebiet. Dort will er bald eigene Konzerte veranstalten.