Simulation zeigt massive Risiken für die Ostsee
Sollte ein Öltanker der sogenannten russischen Schattenflotte auf seinem Kurs von Russland nach Westen in der Ostsee havarieren, hätte das gravierende Folgen für Küsten und Meeresökosystem. Das zeigt eine datenbankgestützte Simulationsstudie, die das Helmholtz‑Zentrum Hereon im Auftrag von Greenpeace erstellt hat. Acht mögliche Unfallorte entlang der Route vom russischen Ölhafen Primorsk bis zum dänischen Skagen wurden dafür durchgerechnet.
48.000 Tonnen Öl – Ausbreitung über 30 Tage
Die Forschenden berechneten, wie sich 48.000 Tonnen Öl der Sorte „Ural Crude“ über einen Zeitraum von 30 Tagen ausbreiten würden. Grundlage waren Strömungs- und Winddaten des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie. Die Ergebnisse sind über eine interaktive Karte abrufbar.
Ökosysteme und Urlaubsregionen wären Jahrzehnte betroffen
Laut Greenpeace wären im Falle einer Ölpest Schutzgebiete in Finnland, Schweden, Deutschland und Dänemark betroffen – Lebensräume, die für Seevögel, Meeressäuger und Fischbestände entscheidend sind. Auch touristische Regionen würden über Jahre geschädigt. „Das Letzte, was die ohnehin schwer bedrohte Ostsee braucht, ist eine Ölpest“, betonte Greenpeace‑Meeresbiologe Thilo Maack. Die Belastung des Ökosystems würde sich über Jahrzehnte ziehen.
Geistertanker ohne Versicherungsschutz
Ein weiteres Problem: Viele Schiffe der Schattenflotte fahren ohne Flaggenzugehörigkeit. Dadurch erlischt jeglicher Versicherungsschutz. Einige Tanker sind zudem ohne gültige IMO‑Nummer unterwegs – ein Verstoß gegen internationales Seerecht. Im Falle einer Havarie würden deutsche Steuerzahler auf den Kosten sitzen bleiben.
Politische Forderungen nach schärferem Vorgehen
Russland nutzt die teils überalterten und unterversicherten Tanker, um trotz Sanktionen Rohöl über die Ostsee zu exportieren. Auf einer Greenpeace‑Liste von Ende 2024 stehen mehr als 190 solcher Schiffe, von denen 171 in den vergangenen Jahren die deutsche Ostsee und die Kadetrinne passiert haben.
Außenminister Johann Wadephul (CDU) hatte zuletzt bei einem Besuch in Lettland ein härteres Vorgehen gegen die Schattenflotte gefordert. Die Schiffe seien in einem „katastrophalen technischen Zustand“ und stellten eine Bedrohung für alle Ostseeanrainer dar. Greenpeace‑Experte Maack fordert, staatenlose Tanker konsequent aus dem Verkehr zu ziehen.
Preisdeckel für russisches Öl weiter gesenkt
Hintergrund der Sanktionen ist der seit vier Jahren andauernde Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. Um Moskau wirtschaftlich zu begrenzen, wurde der Preisdeckel für russisches Öl zum 1. Februar von 47,60 auf 44,10 US‑Dollar pro Barrel gesenkt. Er gilt für Verkäufe in Drittstaaten wie Indien, China oder die Türkei und soll verhindern, dass Russland von steigenden Ölpreisen profitiert.
Der Fall „Eventin“: Ein Schattenflotten‑Tanker vor Rügen
Ein Beispiel für die Risiken liefert der Fall der „Eventin“. Der 274 Meter lange Tanker liegt seit rund einem Jahr vor Rügen fest – mit 99.000 Tonnen russischem Öl an Bord. Nach einem kompletten Systemausfall trieb das Schiff im Januar 2025 stundenlang manövrierunfähig durch die Ostsee, bevor es gesichert werden konnte. Die EU führt die „Eventin“ auf ihrer Schattenflotten‑Liste, die inzwischen mehr als 550 Schiffe umfasst.