Die Zahl der Straftaten gegen Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität ist in Mecklenburg‑Vorpommern deutlich gestiegen. Nach Angaben des Landeskriminalamtes wurden 2025 insgesamt 56 Delikte im Bereich „geschlechtsbezogene Diversität“ und „sexuelle Orientierung“ registriert. 2024 waren es 41, im Jahr davor 14. Das LKA spricht von einem „deutlichen Anstieg“.
Gründe: gesellschaftliche Spannungen und höhere Anzeigebereitschaft
Eine eindeutige Ursache lasse sich nicht feststellen, so die Behörde. Als mögliche Faktoren nennt das LKA gesellschaftliche Spannungen, politische Polarisierung, den Einfluss sozialer Medien sowie eine gestiegene Sensibilisierung von Betroffenen und Öffentlichkeit. Vor allem sei von einer höheren Anzeigebereitschaft auszugehen, wodurch das sogenannte Hellfeld wachse.
Erfasst werden Straftaten, wenn sich die Tatmotivation gegen Personen richtet, deren geschlechtliche Identität oder sexuelle Orientierung von heteronormativen Vorstellungen abweicht – unabhängig davon, ob die Betroffenen tatsächlich diesen Gruppen angehören.
Täter häufig aus dem rechten Spektrum
Die meisten registrierten Taten stammen laut LKA aus dem rechten politischen Spektrum. Neben Internetdelikten wie Beleidigungen zählen dazu Bedrohungen, Volksverhetzungen, Sachbeschädigungen und Körperverletzungen.
LSVD: Dunkelziffer deutlich höher
Nach Einschätzung von Sebastian Witt vom Landesverband LSVD Queer Mecklenburg‑Vorpommern liegt die Dunkelziffer erheblich höher. „Man geht davon aus, dass 70 bis 80 Prozent gar nicht angezeigt werden“, sagt er. Gründe seien Scham, Angst und fehlendes Vertrauen in Behörden.
Witt sieht hinter dem Anstieg sowohl mehr tatsächliche Übergriffe – insbesondere aus dem rechten Lager – als auch eine gestiegene Bereitschaft, Vorfälle zu melden. Social Media spiele eine große Rolle: Beleidigungen würden häufiger angezeigt, gleichzeitig nehme die Aggressivität zu.
Zwischen Sichtbarkeit und Sicherheit
Die gesellschaftliche Stimmung trage dazu bei, dass offen gehetzt werde, so Witt. Rund um Christopher‑Street‑Days gebe es Aufrufe, queere Menschen anzugreifen. Auch politische Rhetorik mache Queerfeindlichkeit teils salonfähiger.
Der Verband gibt Sicherheitstipps für Veranstaltungen: keine Nebenstraßen nutzen, Symbole oder Make‑up erst vor Ort anlegen, nachts in Gruppen unterwegs sein. „Eigentlich haben wir jahrelang für Sichtbarkeit gekämpft“, sagt Witt, „aber Sicherheit geht vor.“
Appell an Zivilcourage
Witt ruft dazu auf, nicht wegzusehen. Bei Übergriffen oder Beleidigungen brauche es Unterstützung durch Umstehende. Auch im Alltag, etwa in Kneipen oder an Stammtischen, solle man queerfeindlichen Aussagen widersprechen.
Betroffenen empfiehlt er, Vorfälle weiterhin anzuzeigen – auch wenn die Erfolgsaussichten gering erscheinen. „Anzeigen, Statistik führen, dokumentieren“, so Witt.
Bundesweiter Trend
Auch bundesweit steigen queerfeindliche Straftaten. Das Bundeskriminalamt meldete 2025, dass sich die Fallzahlen seit 2010 nahezu verzehnfacht haben. Der Verband Queere Vielfalt (LSVD+) kritisiert ein Versagen staatlicher Behörden beim Schutz queerer Menschen.