Die Nerven in der Wismarer Bucht liegen blank. Zwischen Alarmmeldungen über einen kritischen Zustand und plötzlicher Entwarnung bereiten die Helfer den wohl schwersten Teil der Mission vor. Am Dienstag um 7 Uhr beginnt für Buckelwal „Timmy“ die Reise ohne Wiederkehr – während die menschlichen Retter an ihre Belastungsgrenzen stoßen.
Es ist ein Wechselbad der Gefühle, das sich am Montagnachmittag in der Kirchsee abspielte. Gegen 14.45 Uhr meldete Tierärztin Dr. Kirsten Tönnies eine flachere Atmung des Wals. Die Sorge war groß: Baut Timmy nach 28 Tagen auf der Sandbank endgültig ab? Doch nur eine halbe Stunde später die Kehrtwende. Nach einer erneuten Untersuchung zeigte sich der Wal agiler, die Experten gaben vorsichtige Entwarnung. „Wir sind richtig happy“, so Tönnies. Die Lage bleibt jedoch hochdynamisch.
Dienstagmorgen bringt die Entscheidung
Der Zeitplan steht: Am Dienstag um 7 Uhr soll die Verladung in die Barge beginnen. Es ist ein Manöver unter Hochdruck. Mit breiten Gurten soll Timmy sanft in Richtung der Transportkonstruktion geleitet werden. „So viel Druck wie nötig, so wenig wie möglich“, beschreibt Tönnies das Vorgehen. Der Wal solle kooperieren, nicht gedrängt werden.
Um Timmys Weg nach der geplanten Freilassung im Atlantik verfolgen zu können, ist zudem ein GPS‑Tracker vorgesehen. Ein „Einschießen“ des Senders wurde aus Tierschutzgründen verworfen. Stattdessen prüfen die Experten eine Befestigung an der Haut oder ein Gurtsystem, das während der Überfahrt angebracht werden könnte.
Helfer am Rand der Erschöpfung
Nicht nur der Zustand des Wals sorgt für Anspannung. DLRG‑Einsatzleiter Oliver Bartelt machte am Nachmittag deutlich, wie sehr die Rettungskräfte gefordert sind. Viele Helfer seien seit Tagen im Dauereinsatz, die menschlichen Ressourcen nahezu erschöpft. Bartelt stellte klar: Am Mittwoch wird die DLRG planmäßig abreisen. Damit steht die Aktion unter massivem Zeitdruck. Sollte die Verladung scheitern, ist die weitere logistische Absicherung unklar.
Kritik am späten Start
Trotz der Zuversicht, dass Timmys Ernährungszustand noch ausreichende Reserven bietet, bleibt ein bitterer Beigeschmack. Auf die Frage, ob man zu spät mit der aktiven Hilfe begonnen habe, antwortete Tönnies offen: „Man hätte zwei Wochen früher anfangen müssen.“ Nun gehe es darum, mit der aktuellen Lage das Beste für den Wal herauszuholen.
Die kommenden 24 Stunden werden zeigen, ob Wismar das „Wunder von Poel“ feiern kann – oder ob die Kräfte von Mensch und Tier am Ende nicht ausreichen. Ganz Nordwestmecklenburg blickt am Dienstagmorgen ab sieben Uhr auf das Wasser.