Ob Fischer an der deutschen Ostseeküste im kommenden Jahr weiterhin im Rahmen von Ausnahmen gezielt Hering fangen dürfen, ist offen. Die EU‑Kommission hat für die Beratungen der Fischereiminister einen Vorschlag vorgelegt, der diese Sonderregelung streichen würde. Fischereiwissenschaftler Christopher Zimmermann vom Thünen‑Institut für Ostseefischerei hält die Ausnahme dagegen für unverzichtbar. Die erlaubten Fangmengen seien so gering, dass sie keinen messbaren Einfluss auf die Bestandsentwicklung hätten. Für die Küstenfischerei sei die Ausnahme der einzige verbliebene Strohhalm.
Naturschutz fordert strengere Vorgaben
Der Nabu widerspricht dieser Einschätzung. Angesichts der schlechten Bestandslage komme es auf jede Tonne laichbereiten Herings an. Ausnahmen für die passive Heringsfischerei seien nicht mehr zeitgemäß und gefährdeten die Erholung der Bestände zusätzlich. Hintergrund ist, dass Hering und Dorsch in der westlichen Ostsee seit Jahren nur noch als Beifang gefischt werden dürfen. Beide Arten galten früher als wirtschaftliche Grundlage der Küstenfischerei.
EU‑Kommission plant weitere Reduktionen
Für 2027 schlägt die EU‑Kommission vor, den erlaubten Heringsbeifang in der westlichen Ostsee um rund die Hälfte zu reduzieren. Beim Dorsch soll die Beifangmenge sogar um fast 90 Prozent sinken. Zimmermann hält diese Kürzungen für wirkungslos. Die Fischerei habe auf die Bestände keinen relevanten Einfluss mehr, da die Quoten nur noch einen Bruchteil früherer Jahre ausmachen und von den Fischern ohnehin kaum ausgeschöpft werden. Zusätzliche Belastungen wie Kegelrobbenfraß, hohe Dieselpreise und extreme Winter erschweren die Fischerei zusätzlich.
Warum sich die Bestände nicht erholen
Trotz fast eingestellter Fischerei bleiben die Bestände schwach. Gründe sind Überfischung früherer Jahrzehnte, Erwärmung und Sauerstoffmangel in der Ostsee sowie Nährstoffeinträge aus Landwirtschaft und Atmosphäre. Beim Dorsch verhindern warme Oberflächen und sauerstoffarme Tiefenbereiche das Erreichen des Erwachsenenalters. Beim Hering stören warme und späte Winter die Nachwuchsbildung.
Unterschied zwischen westlicher und zentraler Ostsee
Während der westliche Hering stark leidet, empfiehlt die EU‑Kommission für den Hering der zentralen Ostsee eine deutliche Erhöhung der Fangmenge. Eine mögliche Erklärung ist, dass die Erwärmung im Frühjahr dort kurzfristig für mehr Nachwuchs sorgt. Langfristig könnte jedoch auch diese Region ähnliche Einbrüche erleben wie die westliche Ostsee.
Debatte über neue Maßstäbe
Zimmermann hält es für möglich, künftig wieder geringe gezielte Fischerei zuzulassen. Sein Institut geht davon aus, dass der Westhering wegen des Klimawandels nie wieder die Produktivität früherer Jahrzehnte erreichen wird. Damit bräuchte es neue Referenzwerte für nachhaltige Nutzung. Der Internationale Rat für Meeresforschung lehnt dies bislang ab und hält an alten Zielwerten fest.