Nach dem spektakulären Verladen des Poeler Buckelwals in eine stählerne Transportbarke herrschten zunächst Erleichterung und emotionale Momente. Doch Fachleute warnen: Der entscheidende Teil der Rettungsaktion steht erst bevor. Der Wal muss den mehrtägigen Transport Richtung Nordsee überstehen – und anschließend langfristig überleben. Ein Überblick über die Lage.
Zwischenerfolg statt Abschluss
Als der Wal am Dienstag in die Barge getrieben wurde, feierten Helferinnen und Helfer den Moment mit Jubel und Umarmungen. Umweltminister Till Backhaus sprach von einem gelungenen Versuch. Doch das Verladen war lediglich ein notwendiger Zwischenschritt. Der Wal steht nun vor einer tagelangen Schleppfahrt um die Nordspitze Dänemarks durch das Skagerrak – eine Belastung, die ein geschwächtes Tier nur schwer verkraften könnte.
Walforscher Fabian Ritter betont, dass nach der langen Liegezeit unklar sei, ob der Wal überhaupt noch normal schwimmen und tauchen könne. Zudem wurden Netzreste im Maul gefunden, die seine Nahrungsaufnahme beeinträchtigen könnten.
Experten sehen geringe Überlebenschancen
Das Deutsche Meeresmuseum verweist auf internationale Fälle, in denen Bartenwale mit Netzresten in den Barten die Nahrungsaufnahme vollständig verweigerten. Auch die Tierschutzorganisation Whale and Dolphin Conservation (WDC) warnt, dass erst von einer Rettung gesprochen werden könne, wenn der Wal im Nordatlantik wieder Nahrung findet, an Gewicht zunimmt und seinem natürlichen Verhalten nachgeht.
Nach Einschätzung von WDC und der Internationalen Walfangkommission (IWC) sind die langfristigen Überlebenschancen gering. Der Wal habe bereits vor der Strandung ausschließlich flache Küstengewässer aufgesucht – ein Hinweis auf Erschöpfung und Orientierungslosigkeit.
Unklarer Freisetzungsort in der Nordsee
Die private Initiative plant, den Wal in der Nordsee freizulassen. Wo genau, ist bislang offen. Fachleute sehen darin ein erhebliches Risiko. Ein geschwächter Wal könne sich im offenen Meer nicht ablegen und drohe zu ertrinken. Hinzu kommen Belastungen durch Schiffsverkehr, Lärm und Fischerei.
WDC kritisiert, dass bislang kein klares Konzept zur Wiedereingliederung bekannt sei. Ohne detaillierte Planung wirke die Freisetzung wie das Aussetzen eines schwerkranken Patienten „vor die Tür“.
Gesundheitszustand bleibt kritisch
Backhaus erklärte, der Wal fühle sich „pudelwohl“ in der Barge. Fachleute widersprechen deutlich. Der Gesundheitszustand sei „grundsätzlich nicht gut“, sagt Meeresbiologe Ritter. Das Tier habe sich in Netzen verfangen, sei wochenlang umhergeirrt und habe fünf Selbststrandungen hinter sich. Das Verhalten sei insgesamt passiv und weiche deutlich vom Aktivitätsmuster gesunder Buckelwale ab.
Der Transport selbst könnte zusätzlichen Stress verursachen. Besonders der Lärm im Fehmarnbelt sei für Wale extrem belastend. WDC warnt zudem vor Fangmyopathie – einem stressbedingten Muskelabbau, der bei Wildtieren unter Transportbedingungen auftreten kann.
Wie transparent wird das weitere Schicksal?
Der Wal wurde zunächst mit einem Sender ausgestattet, der unter Wasser nicht funktioniert. Die Initiative kündigte an, einen neuen GPS‑Sender anzubringen. Die Daten sollen jedoch nur intern an die Initiative und das Umweltministerium gehen, um Menschen davon abzuhalten, dem Wal zu folgen.
Fachleute halten eine transparente Dokumentation für unverzichtbar. Das Meeresmuseum und die IWC empfehlen öffentlich zugängliche Trackerdaten und Videomaterial, um die Maßnahme bewerten und für künftige Rettungen lernen zu können.
Langfristig ließe sich ein Erfolg nur daran messen, ob der Wal in den kommenden Jahren in seinen Nahrungs- oder Paarungsgebieten gesichtet und eindeutig identifiziert wird.